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Bewährungshilfe in Bayern
zur Lebenslage von Probandinnen und Probanden


Ergebnisse einer Untersuchung der ABB


Im Mai 1999 führte die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Bewährungshelferinnen und Bewährungshelfer als Dachorganisation der Landesarbeitsgemeinschaften der Bewährungshelfer in Deutschland in Zusammenarbeit mit dem EMNID-Institut eine wissenschaftliche Umfrage unter den deutschen Bewährungshelferinnen und Bewährungshelfern durch. Ziel war es, anonyme statistische Daten zur Lebenslage des von der Bewährungshilfe betreuten Klientenkreises zu erhalten. Die Daten liegen nun vor und können für die einzelnen Bundesländer ausgewertet werden.

Anhand des Zahlenmaterials wird deutlich, dass Bewährungshelferinnen und Bewährungshelfer im Berufsalltag mit einer Vielzahl unterschiedlichster Problemstellungen konfrontiert werden. Bewährungshilfe kann sich ihre Klienten (im Gegensatz zu manch anderen Beratungsstellen) nicht aussuchen. Gesetzliche Bestimmungen regeln die Unterstellung von verurteilten Straftätern unter Aufsicht und Leitung eines Bewährungshelfers im Rahmen der Bewährungs- und Führungsaufsicht durch Gerichte und Strafvollstreckungskammern. Damit arbeitet die Bewährungshilfe (früher oder später) im Wesentlichen mit dem gleichen Klientenkreis, wie er auch in den Haftanstalten zu finden ist, also vom "jugendlichen Ladendieb" bis zum Sexualmörder.

Der ganzheitliche sozialpädagogische Ansatz der Bewährungshilfe erfordert eine grundlegende Auseinandersetzung mit dem Klienten über seinen bisherigen Lebensweg und die aktuelle Lebenssituation, seine Tat(en) und deren Folgen sowie die Entwicklung neuer Lebensentwürfe zur Vermeidung erneuter Straffälligkeit. Dazu gehört auch die Überwachung des Klienten hinsichtlich der Einhaltung seiner Auflagen und Weisungen sowie seiner Lebensführung, soweit dies generell möglich ist.


Zahlen zu : Unterstellten Personen
den häufigsten Straftaten
Lebensläufen
Schule, Berufsausbildung und Lebensunterhalt
Schulden
Sucht
Persönlichen Ressourcen und Kontakten




Unterstellte Personen:

Zum Stichtag waren in Bayern rd. 80,4 % im Rahmen einer Straf(rest)aussetzung, 13,5 % im Rahmen der Führungsaufsicht, d.h. nach (End-)Verbüßung von min. 2 Jahren Freiheitsstrafe bzw. Aussetzung einer Unterbringung und ca. 5,3 % der Klienten sowohl in einem Bewährungs- als auch Führungsaufsichtsverfahren einem Bewährungshelfer unterstellt.

Von diesen waren 83,6 % deutsche, 5,6 % türkische und 3,8% osteuropäische Staats-angehörige. (Zum Vergleich: der Anteil ausländischer Straf-gefangener (einschl. Abschiebehaft) lag im März 1999 nach Angaben des Bayer. Staatsministeriums der Justiz bei rd. 36 %.)

Fast 89 % der in Bayern betreuten Personen sind Männer; der Altersschwerpunkt liegt hier zwischen 20 und 24 Jahren. Von den rd. 11 % weiblichen Probandinnen sind über 38 % älter als 30 Jahre.


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Die häufigsten Straftaten:

Die Verurteilung wegen einer Straftat und die Unterstellung unter einen Bewährungshelfer ist die Grundvoraussetzung für die Betreuung von Klienten.

Die häufigsten Unterstellungsgründe (44,3 %) sind Verurteilungen im Eigentums- und Vermögensbereich. An zweiter Stelle folgen in Bayern Verstösse gegen das Betäubungsmittelgesetz (32,3 %) sowie Kontaktdelikte (Körperverletzung, Raub, Erpressung) (27,6 %). Etwa 5 % der Probanden werden wegen Sexualdelikten unterstellt.



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Lebensläufe:

Grundlage der geistig-seelischen Entwicklung sind die Bedingungen, in denen Klienten innerhalb ihrer Herkunftsfamilien aufwachsen. Ungünstige Voraussetzungen und defizitäre Strukturen in der Familie fördern straffällige Verhaltensmuster.

Bei 46,3% aller Klienten war die Herkunftsfamilie unvollständig, d.h. ein Elternteil fehlte, 49,3% erlebten die Trennung der Familie. Für nahezu 15% der Klienten mussten öffentliche Erziehungshilfen (ambulant, Pflegefamilie, Heimerziehung, Kinderpsychiatrie etc.) geleistet werden.

27,6% aller Klienten wuchsen in materieller Not auf, 41,9% sahen sich mit der Suchtproblematik von zumindest einem Elternteil konfrontiert, 30,5% waren Opfer körperlicher Gewaltanwendung und 3,8% Opfer sexuellen Missbrauchs.

Die Bewusstmachung der Folgen dieser defizitären Bedingungen für die Persönlichkeits-entwicklung und das Verarbeiten prägender Erlebnisse ist häufig ein "Schlüsselprozess" (von mehreren) für eine Persönlichkeitsveränderung des Klienten.


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Schule, Berufsausbildung und Lebensunterhalt:

Schulbildung ist die Grundvoraussetzung für den späteren beruflichen Werdegang. In vielen Fällen als Folge der erlebten familiären Verhältnisse sind die schulischen Leistungen der Klienten oft unterdurchschnittlich.

43,4% haben die Hauptschule mit normalem oder qualifizierendem, 22,6% jedoch ohne Abschluss verlassen. 9,4% besuchten Sonder-schulen, weiterführende Schulen besuchten 8,2% mit und 6,2% ohne Abschluss. (Einen Studienabschluss erreicht haben lediglich 1,5%.)

Nur 39,6% aller Probanden verfügen über eine abgeschlossene Berufsausbildung.

Dementsprechend gering sind die Möglichkeiten, durch arbeitnehmerische oder selbständige Tätigkeiten den Lebensunterhalt zu verdienen.

Unbefristet versicherungspflichtig beschäftigt waren zum Zeitpunkt der Untersuchung 23,2%, in einem befristeten Beschäftigungsverhältnis befanden sich 6,7%. Einer selbständigen Tätigkeit gingen 6,5% nach.
In einem geringfügigen Beschäftigungsverhältnis (620.-DM- Basis) standen 2,3%, in beruflicher oder schulischer Ausbildung 9,4%, nach dem Arbeitsförderungsgesetz in beruflicher Qualifizierung, Umschulung oder Erprobung 5,3%.

Ohne Arbeit waren 43,7%.
10% davon bis zu 6 Monaten, 7 % bis zu 12 Monaten und 17,3% mehr als ein Jahr.

Zum Lebensunterhalt zur Verfügung haben

Dies bedeutet, dass etwa 70% der Klienten ein monatliches Einkommen von nur 1200.-DM oder weniger zur Verfügung haben. Nicht nur die finanziellen Möglichkeiten zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sind damit äusserst begrenzt, sondern auch die Fähigkeit, Schadenswiedergutmachung zu leisten oder Schulden zu tilgen.


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Schulden:

Mehr als die Hälfte der Klientenhaushalte (55,4%) sind verschuldet. Davon

33,9% bis 5000.-DM
Hauptursache der Verschuldung sind einerseits Folgen der Strattaten (Geldbußen / -strafen und Gerichtskosten, Wiedergutmachungsforderungen) sowie andererseits nicht bezahlte Konsumkredite. Nur bei 3,7% handelt es sich um Schulden aus Baukrediten, steht also ein gewisser materieller Wert als Sicherheit zur Verfügung.
24,9 % bis 15000.-DM
20,1% bis 30000.-DM
10,1% bis 100000.-DM
5,3% über 100000.-DM

Deutlich wird damit, dass in der Regel nicht nur bei einem Gläubiger Schulden bestehen. Fehlendes oder geringes (pfändungsfreies) Einkommen ermöglicht keine Schuldentilgung. Erschwert wird die Situation dadurch, dass Schulden aus Straftaten nicht in Privatinsolvenzverfahren aufgenommen werden.


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Sucht:

Bei 42,8% aller Klientinnen und Klienten lassen sich generell Suchterkrankungen diagnostizieren. Im Wesentlichen in den Bereichen illegaler Drogen (61,6%) und Alkohol (43,8%); Medikamentenabhängigkeit findet sich bei 12,3 % und Politoxikomanie, also Abhängigkeit von mehreren Suchtstoffen bei 18,5 %.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Feststellung, dass über die "reine körperliche Abhängigkeit" hinaus bei 17,3% aller Klienten bereits körperliche Beeinträchtigungen bzw. bei 19,1% psychische Beeinträch-tigungen als Suchtbegleit-erkrankungen vorhanden sind.

Für die Betreuungsarbeit bedeutet das Vorliegen einer Suchterkrankung zumeist, dass vor der Entwicklung von Lebensperspektiven zunächst eine Behandlung der Suchterkrankung erfolgen muss. Häufig hat die hierfür notwendige Motivationsarbeit die/ der betreuende Bewährungshelferin/ Bewährungshelfer zu leisten.


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Persönliche Ressourcen und Kontakte:

Persönliche Ressourcen der Klienten können helfen, die Integrationschancen zu verbessern. Führerschein, EDV- und Fremdsprachenkenntnisse, Hobbies, Mitgliedschaft in Vereinen u.a. eröffnen nicht nur berufliche Perspektiven sondern auch die Möglichkeit, Kontakte ausserhalb des bisherigen Bekanntenkreises zu schliessen.
Bei vielen Klienten fehlen die entsprechenden Möglichkeiten:

Die aufgezeigten Beispiele machen deutlich, auf welch unterschiedlichen Ebenen Bewährungshelfer versuchen, die Integration von Klienten in die Gesellschaft zu fördern.

Häufig müssen zu Beginn der Betreuungszeit zunächst die Existenzgrundlagen (Wohnung, Einkommen durch Arbeit oder vorübergehend öffentliche Hilfen) abgesichert, Entschuldungs-konzepte und Wege aus der Sucht aufgezeigt, sowie Anregungen für eine veränderte Freizeitgestaltung gegeben werden. Soweit es möglich ist, werden subsidiäre Angebote genutzt, die grundlegende zeitaufwendige Motivationsarbeit geschieht jedoch zumeist in der Bewährungshilfe.

Ursachen für straffälliges Verhalten lassen sich nicht per Gerichtsbeschluss weg-urteilen -so schön das auch wäre. Soll Verhaltensänderung auf Dauer erzielt werden, müssen die individuellen Hintergründe von Straffälligkeit bearbeitet werden.

Die Erfolge der Bewährungshilfe basieren auf einer individuellen und kritischen Auseinandersetzung mit den persönlichen Defiziten des Verurteilten und der Koordinierung entsprechender Hilfe-, Kontroll- und Wiedergutmachungsmassnahmen. Dieser notwendige Prozess der Auseinandersetzung erfordert zwar entsprechende zeitliche Ressourcen, verhindert aber in hohem Mass Straffälligkeit und dient damit wesentlich der inneren Sicherheit.

Die seit Jahren gestiegenen durchschnittlichen Betreuungs-zahlen - von 1995 (ca. 60 Probanden) bis 1999 (über 72 Probanden) um 20 % - machen deutlich, dass die Arbeit der Bewährungshilfe von den Gerichten als wertvolle Unterstützung geschätzt wird. Da gleichzeitig jedoch keine neuen Planstellen für Bewährungshelfer geschaffen wurden steht nun zu befürchten, dass sich die durch eine erfolgreiche Bewährungshilfe gewährleistete Sicherheit verringern wird.

Mit einem Ausbau der Bewährungshilfe, der im Vergleich zu den Kosten des Strafvollzuges relativ günstig zu haben wäre, könnte dies verhindert werden.

Vorstand der ABB, Oktober 1999 / Januar 2000

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